Time is running – die Konkurrenz schläft nicht. Gewerbebetriebe, die investieren wollen, brauchen das Geld dafür in der Regel rasch, sonst geraten schlimmstenfalls Zeitpläne ins Wanken, Konventionalstrafen oder Auftragsverluste drohen. Entsprechend wichtig sind schnelle Kreditbeantragungs- und Entscheidungsprozesse bei Banken und Sparkassen. Die notwendige Geschwindigkeit erreichen diese am besten durch eine weitgehende Digitalisierung der Abläufe. Von der erhöhten Effizienz profitieren nicht nur die Gewerbekunden, sondern auch die Kreditinstitute selbst. Sie sparen Kosten und können die in der aktuellen Niedrigzinsphase geringen Margen verbessern. An sich eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Aber wie sieht die Realität aus?

Um ein Bild des Ist-Zustands der gewerblichen Kreditprozesse in der deutschen Finanzwirtschaft zu bekommen, haben wir bereits zum dritten Mal nach 2017 und 2019 Verantwortliche aus den entsprechenden Fachbereichen von Banken und Sparkassen befragt. Neben aktuellen Einschätzungen zum Digitalisierungsgrad ihrer Abläufe und Verfahren haben wir uns in dieser Ausgabe unserer Studie „Der gewerbliche Kreditprozess – digital und nachhaltig?“ näher mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Schließlich sind Öffentlichkeit und Bankenaufsicht bei allen Aspekten rund um die Themengebiete Environmental, Social und Governance, kurz ESG, inzwischen besonders hellhörig und – aufseiten des Gesetzgebers – derzeit sehr aktiv geworden.

Gemischtes Bild bei den Durchlaufzeiten im Kreditprozess

Eines vorweg: Das Digitalisierungsniveau der Banken und Sparkassen im gewerblichen Kreditprozess ist inzwischen verhältnismäßig hoch. Aber es gibt nach wie vor Luft nach oben. Das zeigt das Beispiel der Durchlaufzeiten von Kreditanfragen durch die unterschiedlichen Teilprozesse: Bei 89 Prozent der für die Studie befragten Institute beträgt die Durchlaufzeit im Vertrieb bis zur Erstellung des Erstvotums maximal fünf Tage. Im Vergleich mit den Ergebnissen der Untersuchung von 2019 ist das eine klare Verbesserung, da lag dieser Wert noch bei 60 Prozent. Dagegen hat sich im Teilbereich der Kreditgewährung die Situation verschlechtert: Benötigten 2019 nur zehn Prozent der Banken für diesen Schritt mehr als fünf Tage, sind es aktuell 23 Prozent. Woran liegt das? Ein Erklärungsansatz ist ohne Zweifel die durch Covid-19 bedingte Verschiebung der Prioritäten bei der Digitalisierung in den beiden vergangenen Jahren. Bemühungen, die bestehenden Infrastrukturen homeofficetauglich zu machen, hatten verständlicherweise absoluten Vorrang. Nach der Pandemie könnte hier das ein oder andere liegen gebliebene Projekt wieder aufgenommen werden, möglicherweise auch im Bereich der digitalen Kreditakte. Denn noch immer nutzen 17 Prozent der Banken und Sparkassen diese gar nicht. Unter den Nutzern geben lediglich 28 Prozent an, dies auch vollumfänglich zu tun. Da geht noch was.

ESG-Kriterien werden zunehmend wichtiger

Und auch beim Thema Nachhaltigkeit gibt es noch viel zu tun. Schließlich erhöhen die zunehmenden Anforderungen im Zusammenhang mit ESG-Aspekten die Komplexität des gewerblichen Kreditgeschäfts. Selbst wenn derzeit 62 Prozent der Institute nur einen schwachen bis gar keinen Einfluss des Themas auf das Tagesgeschäft sehen, nahezu alle Banken und Sparkassen beschäftigen sich inzwischen intensiv damit. Drei Viertel der Studienteilnehmer befürchten einen spürbaren Mehraufwand bei den Antragsverfahren. Acht Prozent der Befragten setzen zur Berücksichtigung von ESG-Kriterien im Kreditvergabeprozess eine Drittsoftware ein. Ein weiteres Viertel plant die künftige Verwendung einer solchen Anwendung, während 38 Prozent dafür das eigene Bestandssystem nutzt.

Diese exemplarischen Ergebnisse zeigen, dass die veränderten Rahmenbedingungen auch ihren Niederschlag in digitalen Prozessen finden müssen. So lässt sich das Verfahren als Ganzes beschleunigen, wenn Anwendungen ihre Nutzer anhand eines Kriterienkatalogs so führen, dass am Ende exakt die für eine Entscheidung benötigten Informationen bereitstehen. Zugleich helfen sie, Fehlinterpretationen vorliegender Daten oder Ineffizienzen zu vermeiden. Vieles spricht also für eine weitergehende und möglichst rasche Digitalisierung der gewerblichen Kreditprozesse. Damit die Kreditnehmer schnell investieren können und kein Auftrag zu lange liegen bleibt.

Die kompletten Ergebnisse der Befragung können Sie in der Studie „Der gewerbliche Kreditprozess – digital und nachhaltig?“ lesen, die hier angefordert werden kann: https://www.ppi.de/studie-kreditprozess

Ihr Michael Wiemker


Mit diesem Beitrag verabschieden wir uns bis zum 9. August 2022 in die Sommerpause. Dann geht es weiter mit dem Blogbeitrag zu unserer Studie ITK-Risiken. Im Namen des gesamten Autorenteams wünschen wir Ihnen eine schöne Sommer- und Urlaubszeit.

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