Ich bin ganz ehrlich: Mein obligatorischer Vorsatz zum neuen Jahr „Neustart im Fitnessstudio“ ist erst gar nicht erfolgt. Dieses neue 2022 hat seine Neuheit doch schon fast wieder verloren. Nicht nur sind die ersten Vorsätze bereits gebrochen worden, sondern auch ansonsten hat man das Gefühl, alles ist beim Alten geblieben. Die Pandemie geht in das dritte Jahr, die Digitalisierung der Finanzbranche schreitet unaufhaltsam voran, FinTechs und vor allem BigTechs profitieren von der zunehmenden Virtualisierung unseres Lebens. Entsprechend steigen ihre Gewinne und Wachstumsraten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Übernahme von Activision Blizzard durch Microsoft für 68,7 Milliarden US-Dollar.
Diese Meldung hat selbst meine Söhne dazu gebracht, sich mit Wirtschaftsnachrichten zu beschäftigen und nach einem intensiven Brainstorming hatten sie auch eine ausgefeilte Diversifikationsstrategie ausgearbeitet – anstatt die PS4 mit einer PS5 upzugraden lieber eine Xbox kaufen. Darüber konnte ich nur schmunzeln, insbesondere weil die Fundingquelle für diese Strategie so vorhersehbar wie eindeutig war. „Wenigstens machen sie sich Gedanken um Marktkonzentrationen“, dachte ich mir.

Die kleinen und die großen Sorgen

Bei meiner morgendlichen Lektüre am nächsten Tag musste ich feststellen, dass die Sorgen meiner Söhne vom Financial Stability Board geteilt werden. In „FSI Insights on policy implementation No 39: Gatekeeping the gatekeepers: when big techs and fintechs own banks – benefits, risks and policy options“ vom Januar 2022 setzen sich die beiden Autoren sehr differenziert mit der Herausforderung der Regulierung von FinTechs und BigTechs auseinander. Der Erwerb einer Banklizenz durch Tech-Unternehmen ist ein zunehmender Trend der letzten Jahre. Allein in der EU sind das – neben den bekannten Playern N26, Paypal und Revolut – unter anderem auch Klarna und Rakuten. Eine Bank, die Teil eines FinTechs oder BigTechs ist, stellt aber ganz andere Herausforderungen an die Aufsicht als eine klassische Bank. Ich will an dieser Stelle nicht das Paper „zusammenfassen“ – das Paraphrasieren von Veröffentlichungen der Aufsicht ist eine Untugend von uns Beratern. Ich möchte nur zwei Grundgedanken aus der Veröffentlichung teilen, die ich besonders interessant finde.

Das Innere Big White

Der eine Grundgedanke ist die inhaltliche Komplexität dieser Sachverhalte. Unter Risikogesichtspunkten haben Banken, die durch FinTechs und BigTechs betrieben werden, durchaus ihre Vorteile. Sie sind technologisch häufig auf dem neuesten Stand und im Falle von BigTechs auch bezüglich der Kapitalisierung abgesichert. Aber es gibt diverse Punkte, die die Regulierung solcher Konstrukte schwierig gestalten: Interessenskonflikte bei der Kreditvergabe, Ansteckungsrisiken, Intransparenz der Unternehmensstrukturen, Vorteile in der Liquidität gegenüber klassischen Banken, zunehmende Marktkonzentration und Analyse von Kundenverhalten.
Insbesondere der letzte Punkt ist etwas, was wir im täglichen Leben wahrnehmen. Die zunehmende Auswertung unseres Nutzerverhaltens durch Data Analytics gibt BigTechs einen klaren Vorsprung beim Zuschneiden von Finanzangeboten. Die Regulierung solcher Banken bedeutet daher schon inhaltlich eine besondere Herausforderung für die Aufsicht. Aber damit befasst sich die Regulierung und hat sogar bereits darauf reagiert. Zum Beispiel durch den Digital Market Act in der EU, der sich mit der Regulierung solcher „digitaler Gatekeeper“ auseinandersetzt.
Der andere Grundgedanke ist einfacher, aber auch ominöser. Bei der Vergabe von Banklizenzen an BigTechs sollte die Aufsicht immer deren Geschäftsmodelle im Hinterkopf behalten, insbesondere ihre Fähigkeit extrem schnell zu skalieren – ein Zitat des Schlusssatzes ist prägnanter als alles, was ich formulieren könnte: „In explaining the concept of exponential growth in the context of Covid-19, the British mathematician Hannah Fry noted: “…it feels like nothing is happening for ages and then it’s like an unstoppable truck…” (Financial Times (2021)). The same could be said about large tech firms’ entry into banking.
Ich kann jedem, der sich für die Zukunft der Finanzbranche interessiert, die Lektüre dieser Veröffentlichung nur empfehlen. Es gibt viele interessante Punkte, die ich gar nicht angerissen habe. Aber vielleicht sind Sie ja anderer Meinung – ich freue mich jedenfalls auf eine lebhafte Diskussion über Banken, FinTechs und BigTechs!

Gastautor: Selvam Dhamotharan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

9  +  1  =  

Verwandte Artikel
Mehr

D wie DORA

A wie Anton, B wie Berta, C wie Cäsar, D wie Dora? Wir kennen alle die Buchstabiertafel. In einem Artikel habe ich gelesen, dass es…